Der gestrige 31. Oktober war gekennzeichnet durch Kinder- und Jugendproteste, die gegen die maroden Schulen, die steigenden Mieten und für mehr Klimaschutz auf die Straße gegangen sind. Zu recht.
Es war aber auch Halloween, das offenbar langsam mehr an einen Silvesterabend erinnert, als an „Trick or treat“ oder an das Samhain-Fest.
Während in vielen Städten Kinder und Jugendliche dafür protestierten, dass man ihre Zukunft nicht zusammenkürzt und durch fehlende Klimapolitik aufs Spiel setzt, haben anderswo Kinder und Jugendliche ihre Langeweile durch das Zünden von Böllern zum Ausdruck gebracht und damit vielen Tieren eine Heidenangst eingejagt.
Ich war selbst draußen und habe versucht, mit einer größeren Gruppe ausschließlich männlicher Kinder und Jugendlicher zu sprechen, denn ich machte mir Sorgen um meinen Kater Moritz, der draußen unterwegs war, und auch die Hündin meiner Nachbarin hatte große Angst und lag zitternd im Bad. Von den Wildtieren möchte ich gar nicht anfangen.
Ich habe mir schon oft Gedanken um die schulische Ausbildung unserer Kinder Gedanken gemacht und stehe auch auf dem Standpunkt, dass Kinder keinen gesunden Selbstwert entwickeln können, wenn sie in sanierungsbedürftigen Schulen mit schlechter Ausstattung und viel zu wenig Lehrpersonal gehen müssen. Wir müssen verstehen, dass die Kinder es wahrnehmen, wenn sie in einer Art und Weise „verwahrt“ werden, die ihnen nicht gerecht werden kann. Kinder haben das Recht darauf, sich gewürdigt und wichtig zu fühlen. Sie haben ein Recht darauf körperlich unversehrt aufzuwachsen und ihre Potenziale zu nutzen. Und ich meine auch, nur für jetzt ausreichende Lehrkörper zu suchen reicht nicht aus, und die Schulen endlich zu sanieren und auszustatten. Wir sollten endlich damit anfangen, neueste wissenschaftliche und pädagogische Erkenntnisse umzusetzen. Und ich meine nicht, die Kinder in Watte zu packen.
Der Film „Der Club der toten Dichter“ hat mich nachhaltig beeindruckt. Unterricht sollte neben dem Vermitteln von reinem Wissen und Grundlagen der Rechtschreibung und der Mathematik hinausgehen. Er sollte zum selbstständigen Denken anregen, zum Hinterfragen und dazu dienen, die Verantwortung für das eigene Selbst zu entwickeln.
Es ist auch falsch, wenn Traditionen und Disziplin die eigene Individualität unterdrücken; stattdessen sollten Schülerinnen und Schüler mit Empathie und auf Augenhöhe unterrichtet werden. In kleineren Klassen mit maximal 20 Schülern.
Ebenso meine ich, und da werde ich sicher auf Kritik stoßen, dass Fächer wie Kunst und Musik ein Wahlpflichtfach sein sollten. Nicht jeder Schüler ist musisch begabt oder künstlerisch veranlagt. Und ich halte es auch für falsch, diesen Unterricht mit ausschließlich Gleichaltrigen durchzuführen. Geht es dabei nämlich um das Ausformen der eigenen Interessen und der Liebe zu einem Instrument oder zur bildgebenden Gestaltung, so ist es durchaus möglich, die Jugendlichen in Gruppen zu unterrichten, die nicht eines Alters sind. Es sollte auch möglich sein, dass Kinder ihre Talente ausleben, die man parallel oder später individuell fördern kann.
Den Sportunterricht betrachte ich äußerst kritisch.
Sportunterricht sollte Bewegungslehre vermitteln, sollte den Kindern verständlich machen, wie man sich knieschonend und rückenschonend bewegt. Anstatt sturen Plänen zu folgen, mit Leichtathletik, Fussball oder anderen Sportarten, sollten vielmehr Yoga, Rückenschule, richtiges Atmen und allgemeine Kräftigung betrieben werden. Und es sollte natürlich AGs geben für Leichtathletik, für Basket-, Fuss, oder Streetball. Die Grundlagen für körperliche Gesundheit sind indes tatsächlich, vernünftiges Rücken- und Krafttraining und eben auch Yoga. Yoga ist keine Lebenseinstellung, sondern ein Weg zu einem gesunden Körper.
Daneben brauchen Schulen mehr Sozialarbeiter und Pädagogen.
Außerdem braucht es Jugendfreizeiteinrichtungen, damit Jugendliche nicht auf der Straße sich selbst überlassen werden, sondern aufgefangen werden.
In einer Zeit, in der Eltern immer mehr arbeiten müssen und flexibel sein müssen, muss die Versorgung der Jugendlichen sichergestellt sein.
Das, was wir heute erleben: Immer mehr Mobbing unter Jugendlichen, Jugendliche, die mehr über TikTok und Instagram kommunizieren als tatsächlich miteinander, und einen auf falschen Grundlagen aufgebauten Selbstwert haben, finden keine Perspektive für das eigene Leben. So kann es einen Sinn haben, den Zugang zu sozialen Medien zu beschränken, aber nur dann, wenn den Jugendlichen etwas geboten wird, das sie auffängt.
Und: Angebracht ist, dass Traditionen und Religionen Jugendliche und Kinder nicht in ihrer Entwicklung zu mündigen Erwachsenen behindern dürfen. Da müssen wir hin. Das wird noch immer nicht alle Probleme lösen, aber sehr viel dazu beitragen, Kindern und Jugendlichen mehr Lebensqualität zu geben. Weniger psychische Erkrankungen und Suizide dürften die Folge sein. Kinder sollen und müssen die Möglichkeit haben, zu mündigen und sich ihrer Verantwortung bewussten Erwachsenen zu werden. Das fehlt heute fast gänzlich. Und wir wundern uns über das Abschneiden deutscher Schüler beim PISA‑Test.
Ich nicht.
